Frohe Ostern!

In diesem Jahr kann ich zum zweiten mal in 73 Jahren meinen Geburtstag am Ostersonntag feiern.

Ich wurde am Ostersonntag, den 16.4.1933 morgens um 9 Uhr, bei Glockengeläut geboren.  Es war auch meines Vaters Geburtstag.  Dieses Jahr noch eine Zugabe: der Geburtstag von Papst Benedikt ist am 16.4.  So kann ich aus seinem Urbi et Orbi zitieren: Freude kann man nicht für sich behalten, man muß sie weitergeben.

Zunächst mal etwa 100 Jahre zurück. Mein Vater wurde am 16.4.1901 als Heinrich Clüsener ins Kirchenbuch eingetragen, sein Bruder zwei Jahre später als Karl Klüsener.  Eine Rechtschreibreform hatte stattgefunden, sie wurde kritiklos hingenommen.  Während der turbulenten Hitlerjahre mußte ich als ABC-Schütze vom gerade erlernten Sütterlin (langes S rundes S machte Spaß) auf lateinisch, wie man es damals nannte, umstellen.  Der gewünschte Ariernachweiß veranlaßte meinen Vater unseren Familiennamen wieder mit „C“ zu schreiben.

Warum nicht mit der jüngsten Jahrhundertwende wieder ein bißchen (wie schreibt man bißchen ohne ß ?) Reform, fragten sich die Behörden.  In Amerika hätte man mit der englischen Sprache einen größeren Nachholbedarf, aber ich kann nur mit Goethe sagen:

Amerika, du hast es besser
 Amerika, du hast es besser
Als unser Kontinent, der alte,
Hast keine verfallen Schlösser
Und keine Basalte.
Dich stört nicht im Innern
Zu lebendiger Zeit
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Würde er das auch gesagt haben, wenn er die Gates im New Yorker Central Park erlebt hätte? Es wurden viele Betrachtungen angestellt, eine beschäftigte mich.

In der Ingenieurschule wurden wir mit dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik gepiesackt; es geht um die Entropie.  Was wußte Wilhelm Busch davon als er in der frommen Helene des Pudels Kern traf: Das Gute – dieser Satz steht fest – ist das Böse das man läßt.

Während meiner ganzen Karriere habe ich mit Meßtechnik zu tun. Jetzt hat man ein Entropie Modell entwickelt, um Kunst zu messen. Man ordnet die Kunst einfach zwischen Ordnung = Banalität und Chaos = Originalität ein. Siehe Grafik, aus der hervorgeht, daß der Informationsgehalt der Schlüssel zu der Betrachtung ist: man weiß schon als junger Mensch, was einem gefällt und daran ändert sich dann später wenig. Ein Kunststudium vertieft die Wahrnehmung des Informationsgehaltes.

Für die Gates braucht man kein Kunststudium.

Freude, keine Symbolik war die erklärte Absicht der aus Osteuropa eingewanderten Künstler, amerikanische Popart und Happening das Medium. „Diese Kunst muß man sich erwandern“ sagten sie. Sie sind wie wir New York Enthusiasten. Wir folgten dieser Empfehlung und teilten die Freude an drei Wochenenden mit Besuchern aus aller Welt.

Das waren so Betrachtungen aus New York.

Wir hoffen, daß Euch dieser Brief gesund und munter antrifft.

Zu meinem 50sten schenkte mir Brigitte einen Sternmagnolienbaum, steitdem blüht er pünktlich zu meinem Geburtstag

 

 

 

 

 

 

Vor dem Tor

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch den Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes:
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gem. Sie feiern
die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus den Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in breit’ und lange,
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein;
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

(Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)