Schweinefuss Schrank

Ferien in Westfalen waren Anlassmichwieder mit unseren alten Möbeln zu beschäftigen.
Es gibt nicht mehr viele Fachwerkhäuser, die jungen Bauersfrauen tragen schon seit hundert Jahren keine Trachten mehr.  Nur ältere Leute sprechen noch Plattdeutsch.

Aber die alten Bauernmöbel erfreuen sich zunehmender Wertschätzung und jüngste Erkenntnisse machen sie für mich noch wertvoller.  So erfuhr ich, die Geschichte fing schon sehr früh an:

Also Varus marschierte durchs heutige Engershausen, über die Felder, die Hofstätte meiner Vorfahrin – der ursprünglichen Eigentümerin des Schrankes – bevor ihn sein Schicksal 9 nach Christi ereilte.

Auf originelle Art fing dann 1824 die eigentliche Geschichte des Schrankes an:  10 Nofen 1824 lautet die Inschrift – selbst mein Spellcheck kann mit Nofen nichts anfangen – gemeint ist natürlich November; ein echter Schnitzer, der auch auf dem zu dem Schrank gehörendem Himmelbett ordnungshalber wiederholt wird.

 

Die unstete Bleibe des Schrankes war schon früh vorgezeichnet:  nach acht Jahren in Börninghausen starb der Mann und sie heiratete nach Schröttinghausen von wo der Schrank 100 Jahre später auf meinen elterlichen Hof nach Pommern kam.  Dort blieb er nur 15 Jahre bis mein Vater ihn in den turbulenten Nachskriegsjahren auf abenteuerliche weise nach Westdeutschland

Sitztruhe

zurückbrachte.  Jetzt steht er schon wieder 25 Jahre in unserem New Yorker Haus und das zu einer Sitztruhe umgearbeitete Himmelbett in meinem Firmenbüro.

Die ganze Geschichte wäre wahrscheinlich im Sande verlaufen ohne die Namens – und Datumsinschrift, mit oder ohne den lustigen Schnitzer.  Viele Sammlerobjekte durchlaufen in ihrem Wert einen Tiefpunkt – junge Leute wollen ihre eigenen modernen Möbel wenn sie heiraten – das hohe Alter hat sie schließlich über den Tiefpunkt gerettet.

 

So haben mich die Möbel mein ganzes Leben lang begleitet und ich komme damit zu einer nachdenklichen Note wie Simone Weil sie etwa formuliert hätte:  einer der Zentren meiner Welterfahrung, einer Lebensdeutung – der Schrank stellt eine Erinnerung da an verstorbene Menschen, ein Gegenstand der Vergangenheit der ihnen gehörte, stellt unersetzliche, einzigartige Berührung mit ihnen da – Ich teile die Freude die meine Eltern an dem Schrank hatten.