Dezember 2001
Auf unserem Schulhof der Neubrandenburger Oberschule steht das Johann Heinrich Voß Haus, ein hübsches Fachwerkhaus nahe der Stadtmauer. So wurde ich schon als Kind auf Voß aufmerksam.

nullZur selben Zeit als in diesem Frühjahr die Briefmarke zu seinem 250 Geburtstag herauskam, stieß ich auf ein interessantes Gedicht. Ich empfand es als hätte ich eine verlorene Perle gefunden.
Denn das Perlboot, so heißt die Nautilus Muschel im Deutschen, hatte es mir schon seit Jahrzehnten angetan und das Gedicht schlägt jetzt eine Brücke zur griechischen Mythologie, der Inselwelt des antiken Griechenland das den Meeresgöttern große Bedeutung zuschrieb und natürlich auch eine Brücke zu meiner Meeresbezogenheit. Ich lebe seit 40 Jahren auf einer Atlantikinsel. Leider habe ich noch keine Übersetzung ins deutsche gefunden. Voß als Shakespeare Übersetzer hätte es sicher gut gemacht. Der Arzt O.W.Holmes, der Verfasser des Gedichtes, war Zeitgenosse von Voß und das Gedicht machte ihn bekannt wie die Ilias Übersetzung Voß bekannt machte.
Natürlich hat die Muschel auch Wissenschaftler beschäftigt. Descartes hatte sich schon darüber

gewundert, daß die Spirale der Nautilus Muschelform einer logarithmischen Gleichung folgt. Die Meeresbiologen halten das Perlboot für eine lebende Fossilie; denn von unendlich vielen Nautilä die vor 500 Millionen Jahren die ganzen Weltmeere bevölkerten sind nur das Perlboot und ein naher Verwandter Argonaut übriggeblieben.
Die Briefmarke enthält auch den Schlüssel zu einem Überlebenskonzept. Fast unlesbar erscheint unter dem Voßnamen das Hexameter Versmaß, das dem homerschen Gedicht zugrunde liegt. Man vermutet, daß sich das Gedicht über hunderte von Jahren unverändert erhalten konnte – in einer Zeit da die Leute weder lesen noch schreiben konnten – man hörte es, wenn sich eine Veränderung in die Überlieferung einschlich. Das Versmaß führte zur Selbtsregulierung.
Als Ingenieur fühle ich mich immer gut aufgehoben, wenn eine ansprechende Form in einer mathematischen Gleichung ausgedrückt werden kann wie die logarithmische Spirale. Dasselbe empfand ich auch im vorigen Jahr bei der Besichtigung des Jefferson Extension Memorials von dem Architekten Saarinen in St. Louis. Er hat es nach einer umgekehrt hängenden Kette Gleichung entworfen. “inverted weighted chain” Aber es gibt noch weitere Analogien: Seit etwa fünf Jahren ist Nanotechnologie im Gespräch und als Analogie wird gerne die Fähigkeit einer Muschel herangezogen. Diese ist in der Lage durch Legen von atomaren Ebenen die verschiedensten Materialeigenschaften zu schaffen, wie etwa die irisierenden Oberflächen des Perlmutters.
Nur die Nautilus Muschel ist fähig durch eine Röhrenverbindung der einzelnen Kammern und Luftregulierung den Schwebezustand zu kontrollieren und sich in verschiedener Meerestiefe ohne Anstrengung aufzuhalten. Die Amerikaner sind sogar soweit gegangen und haben diese Nautiluseigenheit zur Namengebung eines U-Bootes herangezogen die “Nautilus”, das erste U-Boot, das aufgrund seines Nuklearantriebes es ermöglichte unter der Polarkappe den Nordpol zu umschiffen. Die Nautilus ist inzwischen ausgemustert und in einem Museum in unserer Nähe zu besichtigen.
Das Gedicht hat auch eine tragische Dimension und es flocht sich auch ein persönliches Geschehnis in meinen Fund des Gedichtes zur Zeit der Briefmarken Herausgabe. An diesem Sonntag morgen war mein Schwager Burton Levin das letzte mal in Manhasset. Zwei Tage später hatte er einen Herzinfarkt und starb zwei Tage darauf. Burts Schwester kannte das Gedicht, ob er es kannte wissen wir nicht. Sicher hätten ihn als Patentanwalt die technischen Details interessiert.
Die Meeres-bezogenheit des Gedichtes wurde mir bewußt, als wir am dritten Juni am Atlantik, dem Verstreuen seiner Asche am Meeresstrand gedachten.

THE CHAMBERED NAUTILUS
This is the ship of pearl, which, poets feign,
Sail the unshadowed main,–
The venturous bark that flings
On the sweet summer wind its purpled wings
In gulfs enchanted, where the Siren sings,
And coral reefs lie bare,
Where the cold sea-maids rise to sun their streaming hair.
Its webs of living gauze no more unfurl;
Wrecked is the ship of pearl!
And every chambered cell,
Where its dim dreaming life was wont to dwell,
As the frail tenant shaped his growing shell,
Before thee lies revealed,–
Its irised ceiling rent, its sunless crypt unsealed!
Year after year beheld the silent toil
That spread his lustrous coil;
Still, as the spiral grew,
He left the past year’s dwelling for the new,
Stole with soft step its shining archway through,
Built up its idle door,
Stretched in his last-found home, and knew the old no more.
Thanks for the heavenly message brought by thee,
Child of the wandering sea,
Cast from her lap, forlorn!
From thy dead lips a clearer note is born
Than ever Triton blew from wreathed horn;
While on mine ear it rings,
Through the deep caves of thought I hear a voice that sings:–
Build thee more stately mansions, O my soul,
As the swift seasons roll!
Leave thy low-vaulted past!
Let each new temple, nobler than the last,
Shut thee from heaven with a dome more vast,
Till thou at length art free,
Leaving thine outgrown shell by life’s unresting sea!
Oliver Wendall Holmes (1809-1894)